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VIDEO MIT JON KABAT-ZINN
In der knappen Stunde seines Vortrags umspannt der Wissenschaftler das ganze Thema Meditation mit großer Überzeugungskraft. Durch die beeindruckende persönliche Ausstrahlung und das große Engagement des Wissenschaftlers lohnt es sich auf jeden Fall, das Video anzuschauen, auch wenn Ihre Englischkenntnisse nicht so gut sein sollten. Unten finden Sie eine deutsche Übersetzung in Textform (mit freundlicher Genehmigung von Dr. Jon Kabat-Zinn), die die Rede in gestraffter Form zusammenfasst.
Deutsche Übersetzung des Videovortrags als Mitschrift
Jon Kabat-Zinn begrüßt sein Publikum, Mitarbeiter des Suchmaschinenunternehmens Google, die ihm in einem Seminarraum gegenübersitzen.
„Was machen wir heute? Es geht hier eigentlich nicht darum, etwas zu machen. Es geht darum zu sein. Bei uns Amerikanern geht es immer um das Machen und Erledigen und das Auskreuzen auf der To-do-List. Aber das kann tragisch sein. Nicht nur, weil wir dadurch so gehetzt sind, sondern weil wir dadurch den Kontakt verlieren zu dem, der das alles tut.
Und wir machen, erledigen und tun das alles, ohne unser Instrument zu stimmen. Es ist, wie wenn Orchestermusiker Beethoven spielen, ohne vorher ihre Instrumente zu stimmen. Meditation ist wie sein Instrument zu stimmen, bevor man auf die Straße geht. Und es kann einen Riesen-Unterschied machen, wie der ganze Tag verläuft, wenn man ihn auf diese Weise beginnt; und das nicht mal in Hinsicht auf einen Gewinn an Sensibilität oder Fantasie, sondern auch ganz weltlich und praktisch.
Stille, Nichtstun, Selbstreflexion – die Werte unserer Kultur sind dergestalt, dass wir darin etwas Unerlaubtes, Gefährliches vermuten. Es scheint uns zutiefst unamerikanisch zu sein. Dabei ist es ein Zeichen für geistige Gesundheit. Wo kommen denn wissenschaftliche Erkenntnisse her? Aus dem menschlichen Geist, und zwar oft mitten in der Nacht. Es ist der Moment, in dem man nichts mehr erzwingt, sondern loslässt. Und dann öffnet man seinen Geist, seine Intuition, Kreativität – ich nenne es Achtsamkeit. Und diese geht weit über das Denken hinaus. Leider werden wir darin nicht geschult. Wann hatten Sie zuletzt einen Kurs in Achtsamkeit? Höchstens der Ruf ‘Pass auf!’ des Lehrers, wenn du aus dem Fenster guckst – so, als wäre Aufmerksamkeit eine Art militärische Disziplin. Überall herrscht ein Mangel an Ruhe, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Die ganze Gesellschaft leidet unter ADS. Immer nur machen, niemals sein. Wir denken, das Machen löst alle Probleme, auch den gordischen Knoten. ‘Meine Frau hat mich verlassen.’ Warum? ‘Keine Ahnung – eines Tages war sie weg.’ War ihr Verschwinden vielleicht das erste Symptom? Das ist doch ein völliger Mangel an Aufmerksamkeit. Und für Achtsamkeit brauchen wir nicht mehr Zeit! Achtsamkeit ist unendlich vorhanden, in jedem Moment, sie ist unendlich verfügbar.
Es geht übrigens nicht darum, dass es einem besser geht, wenn man meditiert. Deshalb muss man auch nicht zu sich selbst sagen: ‘Mein Gott, ich muss heute unbedingt eine Stunde freiräumen, um zu meditieren, damit ich samuraimäßig ruhig und stark und gelassen werde.’ Das ist nur Erfolgsdenken, und es idealisiert das Ganze. Nichts tun heißt einfach: nichts tun. Den Anspruch aufgeben, dass irgend etwas passieren soll. Für mich ist das ein Akt der Liebe und der geistigen Gesundheit und Integrität.
Einer meiner Schüler, ein begabter Wissenschaftler, sagte zu mir: ‘Ich will nicht meditieren, denn wenn ich das tue, werde ich meinen Verstand verlieren, an dem ich so hart gearbeitet habe. Damit habe ich mein bisheriges Leben verbracht.’ Und ich antwortete: ‘Ja – aber du wirst zur Besinnung kommen.’ Er hatte wohl Angst, er würde dann eines Tages an einem Strand sitzen und die Trommel schlagen oder so. Heute ist er ein engagierter Meditierender. Und es hat ihn nicht dümmer gemacht.
Meditation ist ein Abenteuer. Es geht darum, herauszufinden, wer man eigentlich ist. Es geht um Werte in meinem Leben. Es geht nicht um Ziele und wohin sie einen bringt. Es gibt kein Dort. Es gibt nur Hier. Wir wollen immer von hier nach da, haben so viele Modelle und Pläne für die Zukunft. Aber wenn wir nicht wissen, was hier ist ... wer bin ich dann? Was bin ich? Sie denken, Sie wissen, wer Ihre Kinder sind? Oder mit wem Sie schlafen? Vergessen Sie’s. Wir haben nur Projektionen auf die Menschen, mit denen wir leben – es geht immer um ‘Ich’. Es ist immer nur die Geschichte über mich, mich, mich, wie depressiv oder wie toll ich bin.
Wir haben nur diesen Moment, in dem wir leben können. Zukunft und Vergangenheit sind Konzepte. Es gibt nur Jetzt. Lasse Dich in diesem Moment nieder, wir müssen nirgendwo hinkommen, kein großer Meditierender werden. Wir haben Empfindungen im Mund. Kontakt mit dem Hocker und unserem Atem. Wenn das Atmen vom bewussten Denken abhängig wäre, wären wir schon tot, denn wir wären zu beschäftigt und würden gar nicht merken, wenn wir es vergessen. Unser Nervensystem ist viel zu klug, um das Atmen der bewussten Kontrolle zu überlassen.”
Kabat-Zinn kündigt seinen Zuhörern an, er werde jetzt eine geführte Meditation machen. Kabat-Zinn und die Zuhörer im Seminarsaal schließen die Augen.
„Wir wenden uns also unserem Atem zu, ohne ihn absichtlich zu beeinflussen. Falls Sie krumm sitzen: Es gibt eine natürliche Haltung, die gerade ist und eine gewisse Würde hat. Lassen Sie uns sehen, ob wir den Atem fühlen können, aber wir wollen nicht darüber nachdenken, sondern ihn eher wie ein scheues Tier im Wald beobachten. Wie ist der Atem im Bauch? Nicht pressen, nicht ziehen. Sie können die Augen schließen. Geräusche, Gerüche – alles gehört dazu.
Sie werden schnell feststellen, dass der Geist ein eigenes Leben hat: Vielleicht wünschen Sie sich ja schon, hier herauszukommen während wir die Augen geschlossen haben? Vielleicht denken Sie, dies sei dumm und langweilig. Oder Träumerei. Oder daran, was alles noch erledigt werden muss. Oder dass Sie glücklich sind, hier zu sein ... so ist unser Geist eben. Es ist nicht falsch – Sie sind kein schlechter Meditierender, weil Sie unruhig sind und ein Gedanke den anderen jagt. Die Oberfläche ist sehr bewegt, aber Achtsamkeit ist wie Tauchen: In der Tiefe ist es still. Wir können immer wieder zum Atem kommen, aber es geht nicht um den Atem, sondern um Aufmerksamkeit. Immer, wenn der Geist nicht mehr beim Atem ist, wenn Sie merken: ‘Ich war schon wieder weg für wer weiß wie viel Zeit’ – dann ist der Atem noch da, und Sie können wieder andocken. Der Atem ist einfach ein geschicktes Mittel, um diese tiefe Möglichkeit zu erreichen. Achtsamkeit ist größer als Denken. Der Geist wandert Tausende Male. Er kreist um erledigen, beschuldigen, bitten, verdammen – egal. Kommen Sie zurück. Sie sind hier, genau hier. Dieser Atem. Außerhalb der Zeit, wenn Sie so wollen. Zeitlos. Das klingt einfach, aber es ist eine sehr herausfordernde Aufgabe, denn der Geist will ständig Unterhaltung und dies und das ...
Hör auf und sei einfach. Das erfordert eine Haltung der Freundlichkeit gegenüber dem, was ist. Schweigen, das voller Achtsamkeit ist. Es ist Teil eines fundamentalen menschlichen Wesenszugs: Schweigen. Kein Bedarf nach Gerede.
Irgendwann wirst Du eher meditiert, als dass Du Meditierender bist. Das ist kein New Age-Käse, sondern offensichtlich und grundsätzlich. Meditation erinnert Sie nur. Sie verkörpert Sie, um wieder in Achtsamkeit zu kommen – in diesem einzigen Moment, den wir je haben werden. Wir können die Achtsamkeit vom Atem auf den ganzen Körper ausdehnen. Lassen Sie Achtsamkeit den Körper füllen. Vielleicht können Sie Ihre Haut atmen fühlen – denn natürlich kann sie das. Vielleicht fühlen Sie Ihre Haut, die Hülle um den Körper. Das Gefühl kann sehr spitz sein oder sehr weitwinklig. Es gibt auch Klänge – wir schließen nichts aus. Der Körper sitzt, atmend und hörend. Er weiß, wie er es tun muss, auch wenn uns das nicht bewusst ist. Es können auch Gedanken durch den Geist ziehen, grenzenlos. Sie kommen, gehen, sind mit Gefühlen verbunden, intensiven, schmerzlichen. Erlauben Sie ihnen, gesehen, gefühlt zu werden, von Moment zu Moment zu Moment. Man kann das Herz fühlen. Zartheit, Moment für Moment für Moment. Ohne Urteil über Ihre Erfahrung. Erlauben Sie es sich, einfach so. Wie wir hier sitzen und atmen. Es geht nicht um den Bauch oder das Atmen, es geht um die Aufmerksamkeit, die wir eingeladen haben. Immer wieder werden wir weggetrieben vom Gedankenstrom und schwierigen Gefühlen. Welche Gedanken auch immer auftauchen – sie verstärken das Gefühl von ‘Ich’, mir, meinem Ehrgeiz ... was wird aus mir, wo gehe ich hin ... aber es sind nur Gedanken. Jetzt öffnen Sie die Augen. Alles kann genauso bleiben, Sie haben geatmet, gerochen, gehört, jetzt sehen Sie noch etwas. Es klingelt. Niemand hört eine Glocke; wir hören nur einen Klang. Die formale Übung geht jetzt zu Ende.”
Das Publikum und Jon Kabat-Zinn sitzen wieder mit geöffneten Augen da.
„Die eigentliche Übung hört nie auf: denken, atmen, sitzen, spüren – die eigentliche Übung ist Ihr Leben und wie Sie es führen. Nur fünf Minuten verankern schon die Achtsamkeit, wenigstens ein wenig, bevor Sie die große Symphonie spielen. Sind Sie oft in Meetings und fragen sich, worum es eigentlich geht? Stellen Sie sich vor, die Leute würden sich einstimmen, eine Glocke anschlagen, dann nur sitzen und auf die anderen achten – das würde ein total anderes Meeting, denn die Leute wären wirklich da. Die meisten sind nämlich nicht da, sie lassen sich nur sehen. Diskussionen sind oft wie Lärm – es kracht. Schluss mit ‘ich bin die tollste Person hier’! Das wird auch im Geschäftsleben immer mehr erkannt. Alte Modelle wie die Brontosaurier, die sich gegenseitig beißen und fressen, sterben langsam aus.”
Die Zuhörer können jetzt Fragen stellen. Ein Google-Mitarbeiter sagt, er habe die ganze Zeit gedacht: ‘Ich meditiere, oh toll, mein Geist wandert gar nicht, ich atme ein, ich atme aus – ich meditiere!’ Kabat-Zinn bedankt sich für die Frage.
„Das ist natürlich nicht Meditieren, es ist Kommentieren. Dieses Kommentieren geschieht ständig – so leben wir unser Leben: ‘Wie geht es mir, wie kalt ist es, das Licht ist zu dunkel, was denken die Leute über mich ... ’ – jeder sorgt sich, was jeder andere über ihn denkt. Achtsamkeit ist befreiend! Es ist, wie eine Seifenblase mit dem Finger berühren, dann platzt sie. Das ist überhaupt das größte Missverständnis: zu denken, man soll nichts denken. Da sagt man sich doch sofort: ‘Das kann ich nicht. Jeder ist gut darin, nur ich nicht.’ Das ist blöd! Das klingt jetzt ein wenig wertend (Gelächter), aber es ist wahr. Es ist denken! Aber es geht nicht darum, den Geist leer zu kriegen. Wenn man übt, sieht man die Gedanken nur mit größerer Klarheit. Das Problem ist: Wer oder was ist es eigentlich, das beansprucht, zu meditieren? Das Ich? Deswegen frage ich provokanterweise: Wer meditiert? Wer ist das? Alter, Name, nichts davon macht aus, wer man ist. Es sind alles nur Aspekte. Aber wir sind viel mehr als das. Wir bauen uns auf, weil wir uns für klein halten. Aber unser Geist ist richtig groß. Es heißt, zu verstehen, was wirklich menschlich ist. Es geht um die Kultivierung von Intimität mit uns selbst.”
Ein Zuhörer sagt, er habe den Eindruck, Meditation sei das ‘Gegenteil von Geld.’
„Vorsicht! Der Geist schafft immer Konzepte. Es heißt stets ‘Wir gegen sie’, und sie sind die Bösen. Damit meine ich nicht, dass wir keine Prinzipien haben sollten; aber die bewahren uns nicht davor, ständig zu urteilen. Auch sehr ethische Menschen tun das. Hier geht es darum, die Aufmerksamkeit stets auf sich gelenkt zu haben, auf seine innere Stimme hören zu können, obwohl jeder um dich herum sagt, dass Du im Unrecht bist, so wie in Nazi-Deutschland.
Es heißt nicht ‘Meditation oder Business’. Die Frage ist: Was ist deine Aufgabe in deinem Leben? Wer bist du? Wie passt du in das große Bild? Es geht um Intimität mit und Vertrauen in Aspekte deines Selbst. Du kannst gar nicht falsch liegen, wenn du erkennst, wer du in Wahrheit bist und die Schönheit siehst, die du schon hast.”


