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INTERVIEW MIT EINER ZEN-MEDITIERENDEN
Extra nach Fernost reisen, um sich selbst zu finden? Meditieren kann man schließlich auch im heimischen Mitteleuropa. Ob man den Lotussitz in Asien oder in München einnimmt, macht ja keinen Unterschied – oder etwa doch? Claudia Stäuble, Lektorin in einem großen deutschen Verlag, hat vier Wochen in einem japanischen Zen-Tempel verbracht. Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen.
Frau Stäuble, warum denn gleich nach Japan? Es gibt doch auch hierzulande Meditationsgruppen...
Schon, aber das ist dann doch etwas anderes. Ich hatte ja vorher auch schon in Deutschland regelmäßig meditiert und Zen-Wochenenden in einem Benediktinerkloster besucht. Das sind aber immer nur drei Tage, und ich wollte das auch mal länger machen. Japan hat mich schon immer gereizt, also habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, beides zu verbinden.
Für welches Zen-Kloster haben Sie sich dann entschieden? Und wie findet man so etwas überhaupt?
Der Tempel, den ich besucht habe, befindet sich auf der südlichsten Insel Japans in einem Fischerdorf. Den Namen möchte ich lieber nicht nennen. Ich finde, man sollte sich selbst auf die Suche begeben, wenn man so einen Aufenthalt plant. Nur so findet man ein Angebot, das wirklich zu einem passt. So war es ja auch bei mir. Der Kontakt hat sich sehr schnell ergeben, das war beinahe wie Schicksal. Mit ein bisschen Recherche im Internet und bei einschlägigen Verlagen findet man schnell das Richtige. Als ich „meinen“ Tempel gefunden hatte, habe ich mich per E-Mail dort angemeldet: Man erzählt, wer man ist, welche Meditationserfahrung man schon hat und was man sich von dem Aufenthalt erwartet. Dann wurde ich eingeladen.
Und wie haben Sie den Kontakt hergestellt? Sprechen Sie japanisch?
Leider nicht, aber der Mönch, der das Kloster leitet, hat in den 60er und 70er-Jahren in Kanada gelebt und spricht sehr gut englisch. Als er nach Japan zurückkehrte, hat er es zu seiner Mission gemacht, Ausländer mit der japanischen Kultur und Zen-Meditation bekannt zu machen. Im Kloster ging es entsprechend sehr international zu, da waren Australier, ein Kanadier und eine 67-jährige Frau aus New York. Der Kanadier hatte sich gleich für sechs Monate einquartiert.
Wie kann man sich denn den Tagesablauf in so einem Kloster vorstellen? Darf man da überhaupt miteinander sprechen?
Nur am Morgen wurde nicht gesprochen, ansonsten gab es da keine besonderen Regeln. Wir standen jeden Tag um fünf Uhr auf, ab halb sechs sang der Mönch dann im Tempelraum japanische Sutren, während die Gäste dabeisaßen. Danach gab es zwei Stunden lang Sitzmeditation, immer in Einheiten von dreißig Minuten, unterbrochen von fünf Minuten Gehmeditation. Nach einer kurzen Teepause wurden dann die anfallenden Haushaltsarbeiten erledigt: putzen, den Garten pflegen, einkaufen usw. Das dauerte in der Regel höchstens drei Stunden, dann wurde gegen zwölf zusammen gekocht und zu Mittag gegessen. Der Nachmittag war meistens frei verfügbar. Da konnte man für sich selbst entscheiden, ob man meditieren oder etwas anderes unternehmen wollte. Abends wurde dann wieder gemeinsam meditiert.
Das klingt ja nicht besonders streng ...
Der Tagesablauf war ziemlich offen, aber das war auch gut so. Da konnte man sich auch mit den anderen Gästen austauschen oder mit dem Mönch plaudern, um mehr über die japanische Kultur zu erfahren. Manchmal gab es nachmittags auch ein Programm und der Mönch hat uns zu Festen oder Zeremonien in der Umgebung mitgenommen.
Hat so ein Zen-Mönch denn eine eigene Gemeinde?
Ja, man kann das durchaus mit einem Pfarrer in Deutschland vergleichen. Die Gemeinde zahlt Beiträge, und es werden regelmäßig Treffen veranstaltet.
Wie viel mussten Sie eigentlich für Ihren Aufenthalt im Kloster bezahlen?
Nicht viel, das lief praktisch auf Selbstkostenbasis. Wir haben eine Gemeinschaftskasse eingerichtet, aus der die Ausflüge und Lebensmittel bezahlt wurden, und zum Schluss abgerechnet. Unterm Strich kamen für mich Kosten von ein paar hundert Euro heraus.
Und sind Sie jetzt erleuchteter als vorher?
Um so etwas wie Erleuchtung kann es doch bei so einem kurzen Aufenthalt gar nicht gehen. Meine Ansprüche sind da bescheidener. Ich hatte dort die Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Die Umstände dafür sind bei so einem Aufenthalt einfach günstiger: der ganze Druck, den man normalerweise alltäglich im Beruf und im Privatleben bekommt, ist dann weg. Da fällt es natürlich viel leichter, inneren Frieden zu finden. Und die Meditation selbst ist dann ein ganz langsamer und subtiler Prozess. Die Wirkung schlägt nicht irgendwann plötzlich ein, so dass von heute auf morgen alles anders ist.
Wie ist dieser Prozess denn bei Ihnen abgelaufen?
Ich habe das in verschiedenen Stufen erlebt. Am Anfang macht sich vor allem der Körper bemerkbar. Man ist es eben einfach nicht gewohnt, länger aufrecht und still zu sitzen. Wenn man sich dann einigermaßen eingerichtet hat und sich auf den Atem konzentriert, tauchen ablenkende Gedanken auf. Damit muss man jedesmal wieder umgehen, das ist anstrengend und da gibt es bessere und schlechtere Tage. An manchen Tagen schweift man ständig mit den Gedanken ab und kann sich einfach nicht konzentrieren. Aber dann gibt es immer wieder auch Momente, in denen man kleine Fortschritte macht und seine Konzentrationsfähigkeit verbessert. Und dafür lohnt es sich dranzubleiben.
... klingt nach einer ganz schönen Quälerei ...
Ernsthafte Meditation ist immer ein harter Kampf, das wird mit der Zeit auch nicht einfacher. Der japanische Mönch meditiert schon seit 40 Jahren und muss sich trotzdem diesen Schwierigkeiten immer wieder aufs Neue stellen.
Und was bringt die Sache dann überhaupt?
Zunächst einmal Kraft. Obwohl das Meditieren in diesen vier Wochen anstrengend war, habe ich trotzdem danach gemerkt, dass ich dadurch Kraft getankt habe. Und wer über einen längeren Zeitraum von einigen Jahren meditiert, bekommt allmählich eine andere Perspektive auf die Dinge, auch auf das eigene Ego. Nach und nach nimmt man dann viele Dinge nicht mehr so wichtig, von denen man sich vorher persönlich angegriffen oder gestresst fühlte. Mir fällt es zum Beispiel mittlerweile leichter, den Stress schneller wieder loszulassen, wenn er mich packt. Ich bin zwar immer noch oft gestresst, kann aber einfach besser damit umgehen und werde das Gefühl schneller wieder los.
Haben Sie deswegen ursprünglich mit dem Meditieren angefangen? Um Stress abzubauen?
Nein, ich hatte dabei kein bestimmtes Ziel. Das war reine Neugier. Und mit der Zeit haben sich ein paar angenehme Nebeneffekte ergeben. Durch Meditation tun sich eben manchmal dort Türen auf, wo man vielleicht gar nicht damit gerechnet hat. Es ist gerade diese Offenheit, die mich am Zen fasziniert. Einerseits hat das ganze ein System, andererseits funktioniert es aber auch ohne strenge Dogmen. Es geht ja gerade nicht um die Befolgung irgendwelcher Regeln, sondern im Gegenteil um Freiheit und Loslassen. Im Prinzip ist man dabei ganz sich selbst überlassen.
Frau Stäuble, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.


